„Ich-Riesen“

Kinder stärken für einen verantwortungsvollen Umgang mit sich und Anderen

 

 

 „Ich-Riesen“ ist ein reitpädagogisches Projekt zur Stärkung der positiven Selbstwahrnehmung und der emotionalen und sozialen Kompetenzen von Kindern.

Das Angebot bietet Entwicklungsmöglichkeiten, die eine positive Beeinflussung des Selbstbildes ermöglichen und somit fördernd auf die Persönlichkeitsentwicklung wirken.

Es werden Handlungs- und Wahrnehmungsräume in der Arbeit mit den Pferden geboten, in denen soziale und emotionale Fähigkeiten und Fertigkeiten geübt und ausgebaut werden können.

 

Zielgruppe

Das Projekt richtet sich an alle Kinder mit und ohne Risikofaktoren. Es wird für jede Altersstufe und Institution individuell überarbeitet und an die Bedarfslage angepasst.

Die Entscheidung, das Projekt nicht nur für Kinder in besonders belasteten Lebenslagen anzubieten, hat zwei Schwerpunkte. Diese sind die besseren Lernbedingungen die in Gruppen entstehen, die sich aus Kindern mit verschiedenem Kompetenzniveau zusammensetzten, als auch in dem primär präventiven Gedanken, allen Kindern die Möglichkeit der Ressourcenstärkung zu bieten, um einen positiven Entwicklungsverlauf zu begünstigen und die Wahrscheinlichkeit von Sucht- und Gewalttendenzen zu verringern.

 

 

Ziele und Erfahrungsräume

Das reitpädagogische Angebot ermöglicht selbstwertstärkende und persönlichkeitsstabilisierende Erfahrungsräume und fördert die Sozialen- und Emotionalen-Kompetenzen von Kindern:

      Die Kinder werden an einen selbstbestimmten und verantwortlichen Umgang mit den Tieren und Materialien herangeführt, sodass sie Raum erhalten, Verantwortung für ihr eigenes Handeln zu übernehmen.

      Die Kinder erfahren durch die unmittelbare Reaktion der Pferde die Wirkung ihres Verhaltens. Sie erhalten die Möglichkeit, ihr Verhalten zu regulieren und ihre Wirkung auf das Pferd zu verändern und erfahren so Selbstwirksamkeit (vgl. Stoffl 2014: 58) (Auf Kritik reagieren[1]).

      Die Kinder lernen, die Körpersprache der Pferde zu deuten und sich selbst in ihrer Kommunikation mit dem Pferd authentisch und klar auszudrücken. Die Kinder können ihre Kommunikationsfähigkeit hier ohne ambivalente Anteile trainieren (vgl. Stoffl 2014: 59) (Gefühle offen zeigen, Nein sagen, Änderung bei störendem Verhalten verlangen).

      Im gelingenden Umgang mit den Pferden erfahren die Kinder körperliche Nähe, Anerkennung, Akzeptanz, Wertschätzung und Zugehörigkeit (vgl. Stoffl 2014: 57f). Diese Erfahrung unterstützt die positive Selbstwahrnehmung (Komplimente akzeptieren).

      Die Kinder lernen, angemessen auf Kontaktangebote der Tiere mit Abgrenzung oder Kontaktaufnahme zu reagieren. Sie erhalten Raum, sich einzulassen oder sich abzugrenzen (Auf Kontaktangebote reagieren, Erwünschte Kontakte arrangieren, unerwünschte Kontakte beenden, Gefühle offen zeigen).

      Die Kinder lernen, sich ruhig und in angemessener Lautstärke bei den Pferden zu verhalten. Hier lernen die Kinder durch eigene Motivation Impulskontrolle und übernehmen Verantwortung für ihr Verhalten, dem Pferd zuliebe.

      Die Kinder führen die anfallenden Arbeitsabläufe bis zum Ende aus. Die Kinder trainieren, durch das Tier motiviert, ihr Durchhaltevermögen, ihre Frustrationstoleranz und übernehmen Verantwortung für das Tier.

      Die Bedürfnisse des Ponys nach Pflege und Versorgung stellen die Kinder vor ihre eigenen Bedürfnisse (Versuchungen zurückweisen [eigene Bedürfnisse werden zurückgestellt]).

      Die Kinder geben beim Führen des Ponys die Richtung vor und machen ihre Forderung dem Pony so klar, dass dieses ihnen folgen kann. Das trainiert die Kommunikationsfähigkeit und stärkt das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, da den Kindern ein so großes Tier vertraut und folgt. Sie erfahren Selbstwirksamkeit.

      Die Kinder regulieren unerwünschtes Verhalten der Ponys angemessen. Sie trainieren so ihr Durchsetzungsvermögen und übernehmen eine leitende Position (Nein- Sagen).

      Die Kinder loben das Pony für gutes Verhalten (Komplimente machen, gute Leistung anderer anerkennen).

      Die Kinder sitzen aufrecht und entspannt auf dem Pony und befinden sich in einer Bewegungsharmonie mit dem Pony. Dies trainiert die Körperkoordination, die Körperwahrnehmung, die Konzentrationsfähigkeit und das emotionale Einlassen und Loslassen.

      Die Kinder erfahren Gesundheitsförderung: durch die Bewegung in der Natur bei allen Wetterlagen, die Sensibilisierung für natürliche Prozesse und der Erfüllung von Grundbedürfnissen wie Körpernähe und soziale- emotionale Kontakte.

 

Veranstaltungsorte und organisatorische Planungen

Das Projekt umfasst theoretische und einen praktische Angebotsbausteine (s.u.).

Die theoretischen Einheiten werden in den Räumen der Institution umgesetzt. Für Evaluationszwecke wird jedes Kind vier Wochen vor und nach der Teilnahme an dem Projekt durch das Kita-Team beobachtet. Es finden regelmäßige Reflexionsgespräche zwischen Institutionsleitung und dem Projektteam statt, um eine kontinuierliche Weiterentwicklung und Abstimmung zu ermöglichen.

Die praktischen Einheiten finden auf dem Ponyhof „Ponyzwerge Sindlingen“ statt. Um die Sicherheit der Kinder zu gewährleisten, wird die Gruppengröße auf 8 Teilnehmer/innen begrenzt. Um möglichst vielen Kindern die Teilnahme zu ermöglichen, wird die Projektlaufzeit pro Gruppe auf 12 Einheiten festgesetzt.

 

Zeitplanung

Jede praktische Einheit umfasst 90 Minuten und findet einmal wöchentlich auf dem Ponyhof „Ponyzwerge Sindlingen“ statt. Die theoretischen Einheiten werden in der Institution, ebenfalls einmal wöchentlich angeboten und umfassen 45 Minuten. 

 

Methodische Umsetzung

Theorieeinheiten in der Kindertagesstätte

Die Institution begleitet das Projekt mit Theorie- und Spieleeinheiten, die einmal wöchentlich in der Einrichtung durch eine pädagogische Fachkraft angeboten werden. Die Theorieeinheiten dienen der Reflexion der praktischen Erfahrungen mit den Pferden, der Erarbeitung und Vertiefung von Grundwissen für den Umgang mit Pferden und bieten Raum für den Ausbau des Emotionswissen, Rollenspiele und kooperationsspiele die das gemeinsame Arbeiten verbessern. Ziel dieser aktiven Gestaltung durch die Institution ist, die Inhalte des Projektes in den Alltag und die Beziehungsstrukturen der Einrichtung zu übertragen und so Transferleistungen zu begünstigen.

 

Praktische Einheiten auf dem Ponyhof

Beteiligt an den Einheiten sind zwei Anleiterinnen des Ponyhofs und mindestens eine pädagogische Fachkraft der Institution, sowie zwei Shetlandponys und „Mäxchen“, das Holzpferd. Die Kinder werden in feste Untergruppen eingeteilt, denen jeweils ein Bezugspony und Anleiter zugeteilt ist, um den Beziehungsaufbau zwischen den Kindern, dem Pony und den Anleiterinnen zu begünstigen.

 

Stundenaufbau

Jede Einheit gliedert sich in drei Phasen. Die erste Phase ist die Ankommens-Phase; sie dient dem ganzheitlichen Ankommen der Kinder. Hier erhalten sie Zeit, alle Tiere des Hofes zu beobachten und ihr Pony zu begrüßen. Jedes Kind holt seinen Putzkasten, für den es verantwortlich ist (Sauberkeit, Vollständigkeit etc.). Dann werden die Ponys von den Kindern geputzt und mit Hilfe der Anleiterinnen gesattelt.

Die Arbeits-Phase umfasst das konzentrierte Arbeiten an und auf dem Pony. Vier Kinder üben am Holzpferd, zum Beispiel: ponyfreundliches Auf- und Absteigen, Voltigier Übungen etc. Die zwei anderen Zweier-Teams arbeiten mit ihrem Pony, wobei Übungen so umgesetzt werden, das immer ein Kind das Pony führt und das andere reitet, hier werden das entspannte Sitzen und richtige Führen geübt. Dies findet seine Umsetzung in vielfältigen spielerischen Aktionen.

In der Abschluss-Phase lösen sich die Kinder wieder aus dem Arbeitsbündnis mit dem Pony und erhalten Gelegenheit, über ihre Erfahrungen zu sprechen. Die Kinder satteln ihr Pony ab, räumen die Sachen auf, kratzen seine Hufe aus, füllen den Futtereimer und füttern ihr Pony. Während die Ponys fressen, findet eine Reflexionsrunde statt, in der sich über die Inhalte der Stunde, Emotionen, Konflikte und Wünsche ausgetauscht werden kann. Danach verabschieden die Kinder sich bei den Ponys und werden zurück zum Tor begleitet, sie erhalten Zeit, die Dinge und die Tiere des Hofes wahrzunehmen und sich zu verabschieden.

 

In jeder vierten Einheit beschäftigt sich die Gesamtgruppe mit der Versorgung der Tiere. Es werden gemeinsam die Pferde gemistet, die Hühner und Ziegen versorgt. Im Anschluss wird eine Schmusezeit mit den Ponys angeboten und Freispiel. Diese Einheit dient der Ganzheitlichkeit, der Verantwortungsübernahme, der Sensibilisierung für natürliche Prozesse und der Entschleunigung.

 

In der letzten Einheit bekommt jedes Kind einen Ponyführerschein überreicht.

 

 

Verwendete Literatur

 

Hirsch, Rüdiger; Pfingsten, Ulrich (2007): Gruppentraining sozialer Kompetenzen. GSK (5. überarb. Aufl.), Weinheim u.a.: Beltz Verlag.

Petermann, Franz/ Wiedebusch, Silvia (2016): Emotionale Kompetenz bei Kindern (3. überarb. Aufl.), Göttingen: Hogrefe (Klinische Kinderpsychologie Bd. 7).

Stoffl, Rebecca (2007): Mit Pferden erziehen. Wissenschaftliche Begründung, empirische Prüfung, Qualitätssicherung, Saarbrücken: VDM Verlag Müller.

Vernooij, Monika A./ Schneider, Silke (2013): Handbuch der Tiergestützten Intervention. Grundlagen-Konzepte-Praxisfelder (3. Aufl.), Wiebelsheim: Quelle und Meyer Verlag.

 

 

[1] Die Klammern, die an die Ziele angefügt sind, enthalten Fähigkeiten, die nach Gambrill 1995 [Eine Familienforscherin aus Los Angeles.] (vgl. Hinsch/ Pfingsten 2007: 4) notwendig sind für ein sozial kompetentes Verhalten. Hierdurch soll verdeutlicht werden, wie in der Arbeit mit den Tieren Kompetenzen erworben werden können, die für den zwischenmenschlichen Bereich relevant sind.